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Fakultät für Biologie, Chemie und Geowissenschaften

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Klimafaktor Moor - Funktion und Funktionstüchtigkeit der Moore der Erde

Vortragender: Prof. Dr. Michael Succow, Universität Greifswald
Mi. 24.11.2010 (19:30), H 13, NWI, Universität Bayreuth

Wachsende Moore sind auf dem Festland die wichtigste Kohlenstoffsenke. Der fortgesetzte Verlust dieser Rolle im globalen Naturhaushalt verstärkt die Klimaerwärmung dramatisch. Um dem entgegen zu steuern, muss endlich jede weitere Trockenlegung von Mooren unterbunden werden. Entwässerte Moore müssen soweit wie möglich wieder vernässt (renaturiert) werden. Generell gilt es, die primäre Funktion dieser Ökosysteme zu erhalten bzw. wieder herzustellen.

Moore bedecken drei Prozent der Landfläche unserer Erde, darin gespeichert sind aber 30 % des gesamten terrestrischen Kohlenstoffs. Boreale und temperate Moore legen durchschnittlich 1.120 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar fest, in tropischen Mooren sind es sogar 3.100 Tonnen.

Das Problem der letzten Jahrhunderte war/ist, dass der Mensch in seinen wirtschaftlichen Zwängen einerseits den einst in Mooren gespeicherten Torf ausgrub und durch dessen Verbrennung den Kohlenstoff erneut in den Kreislauf der Erde einbringt bzw. Torf zwecks Bodenverbesserung zu gärtnerischen Erden verarbeitet, der dann kurzfristig mineralisiert. Andererseits vernichten wir durch Entwässerung für Zwecke der „Inkulturnahme“ noch immer wachsende Moore. Gegenwärtig „ertrinken“ in arktischen und subarktischen Räumen großflächig die Permafrost-Moore infolge der anthropogen bedingten Klimaerwärmung. Da der Permafrostboden zunehmend tiefer auftaut, werden aus den dortigen Moorstandorten Flachgewässer, in denen die bislang Torf bildende Vegetationsdecke abstirbt. Durch anaerobe Fäulnisprozesse werden aus den sich zersetzenden, unter Wasser nunmehr ohne schützende Pflanzendecke freiliegenden Torfen gewaltige Mengen des besonders klimarelevanten Methans freigesetzt. Das geschieht gegenwärtig in immer größeren Räumen in Sibirien, Alaska und Kanada. Werden Moore hingegen entwässert, wie insbesondere in Europa, Süd- und Ostasien, den USA, so dringt Sauerstoff in den Torfkörper und durch Torfmineralisierung entstehen große Mengen des klimarelevanten Gases Kohlendioxid.

Besonders dramatisch ist derzeit die tief greifende Entwässerung der tropischen Waldmoore in Südostasien, vor allem in Indonesien. Hier gelangen jährlich fast 700 Millionen Tonnen CO2 infolge Torfmineralisierung in die Atmosphäre. Hinzu kommt, dass spätestens fünf Jahre nach Entwässerung tropischer Moore gewaltige Moorbrände entstehen, die ebenfalls hochgradig klimaschädlich sind. Gegenwärtig werden jährlich weltweit ca. 3 Milliarden Tonnen CO2 aus drainierten Mooren in die Atmosphäre abgegeben, 2/3 davon in Südostasien. Tendenz steigend! Diese Entwicklungen sind in den aktuellen Klimabilanzen bislang kaum berücksichtigt! Gegenwärtig erleben wir im westlichen Russland im Zuge immer heißer werdender Sommer gewaltige Waldbrände, die sich vor allem aus entwässerten/vertrockneten Mooren speisen.

Mit dem gewonnenen Verständnis über Funktion und Funktionstüchtigkeit von Moorökosystemen im Landschaftshaushalt und vor allem als Klimafaktor muss es uns heute einerseits darum gehen, weltweit alle noch nicht anthropogen stärker beeinträchtigten Moore unbedingt in ihrem Naturzustand, d.h. wachsend, zu erhalten. Andererseits sind auf den bisher durch Entwässerung genutzten Mooren Wiedervernässungen einzuleiten bzw. bei Bedarf Nutzungsformen zu finden, die die Funktionstüchtigkeit von Mooren als akkumulierende Ökosysteme sichern. Das kann nur in semiaquatischen Ökosystemen erfolgen. Dabei kann zyklisch die oberirdisch aufwachsende Biomasse abgeschöpft, d.h. geerntet werden ohne die „unterirdische“ Torfbildung zu beeinträchtigen. Die Nutzung der oberirdischen Biomasse als nachwachsender Rohstoff aus derartigen hochproduktiven “Paludikulturen” dürfte eine wichtige Zukunftsoption sein. Paludikulturen sind nicht nur für wiedervernässte degradierte Niedermoorstandorte sinnvoll, sie stellen auch für abgetorfte Regenmoorstandorte eine dauerhaft umweltgerechte Nutzungsform dar (Sphagnum farming).

Bei all den genannten alternativen Nutzungsformen besteht ein hoher Forschungs- und Entwicklungsbedarf, handelt es sich doch um landnutzungstechnisch neue Standorte. Neben Fragen der Implementierung sind stets aber auch Aspekte der Rentabilität, des Naturschutzes und der Umweltverträglichkeit mit zu untersuchen. Für die energetische Verwertung der Biomasse kommen Verfahren der Vergasung, der Verbrennung oder auch der Verflüssigung in Frage. Eine zukünftige Ökonomie hat dabei die In-Wert-Setzung ökologischer Leistungen mit einzubeziehen. In Anspielung auf Friedrich Schiller könnte das Fazit lauten: Das Moor hat noch längst nicht “seine Schuldigkeit getan”.
– Neue Moore braucht das Land!

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Vortrag der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Bayreuth e. V.
- Gäste und Studenten sind herzlich willkommen!

Naturwissenschaftliche Gesellschaft Bayreuth e. V.



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